Gemeinsam ankommen - gemeinsam wachsen

Der Einstieg in die Krippe ist für Kinder und Familien ein großer Schritt. Kinder erleben in der Krippe, oft zum ersten Mal zwischenmenschliche Bindungen und Beziehungen außerhalb ihrer Familie. Dieser Schritt kann aufregend, aber auch zunächst verunsichernd sein. Deshalb begleiten unsere pädagogischen Fachkräfte diesen Übergang mit einem hohen Maß an Feinfühligkeit, Geduld und Empathie, denn Bindung entsteht langsam – durch verlässliche Beziehungen, wiederkehrende Rituale und bedürfnisorientiertes Handeln.

Eine sichere emotionale Basis ist die Grundlage dafür, dass Kinder sich auf neue Erfahrungen einlassen können. Sie lernen: Auch außerhalb der Familie gibt es Menschen, die für sie da sind. Dabei wird jedes Kind individuell begleitet, je nach Tempo und Persönlichkeit. Ziel ist eine willkommene, geborgene Atmosphäre, in der jedes Kind Vertrauen fassen und wachsen kann.

Die Peer-Group-Eingewöhnung bietet dafür einen modernen, beziehungsorientierten Rahmen, der Kinder in ihrer Individualität stärkt und gleichzeitig die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt.

Bei der Peer-Group-Eingewöhnung („Tübinger Modell“) werden mehrere Kinder gleichzeitig eingewöhnt. Sie lernen gemeinsam mit ihren Eltern die neue Umgebung, das pädagogische Team und die anderen Kinder kennen. Die Eingewöhnung erfolgt in kleinen Gruppen (3 Kinder), in einem separaten Raum, mit festen Zeiten und Ritualen. Die Eltern begleiten ihr Kind in den ersten Tagen aktiv und ziehen sich dann schrittweise zurück – je nachdem, wie sicher sich das Kind fühlt. Im Unterschied zu klassischen Modellen wird hier nicht eine einzelne Bezugsperson zugeordnet. Stattdessen lernen die Kinder mehrere Fachkräfte gleichzeitig kennen und dürfen selbst entscheiden, zu wem sie eine engere Bindung aufbauen möchten. Dieser Ansatz orientiert sich an den natürlichen Prozessen kindlicher Beziehungsgestaltung – denn Bindung lässt sich nicht zuweisen, sie entsteht durch Begegnung und Vertrauen.

Ein großer Vorteil dieses Modells ist die Vielfalt der Beziehungen. Kinder erleben mehrere vertraute Erwachsene, was ihnen Sicherheit und Flexibilität gibt. Wenn eine Fachkraft krank ist oder Urlaub hat, bleibt immer jemand da, der das Kind kennt und bei dem es sich wohlfühlt. Besonders für sensible Kinder kann diese Beziehungsvielfalt entlastend wirken – sie spüren, dass es verschiedene Bezugspersonen gibt, an die sie sich jederzeit wenden können. Gleichzeitig wird das Kind als aktiver Teil der Eingewöhnung ernst genommen: Es entscheidet selbst, zu wem es Kontakt aufbauen möchte, wann es Nähe braucht und wann es bereit ist, die Eltern zu verabschieden. Wenn mehrere Kinder gleichzeitig eingewöhnt werden, entsteht eine natürliche soziale Dynamik, die Kindern Halt gibt und ihre Selbstwirksamkeit fördert. In der Gruppe erleben Kinder, dass sie nicht allein sind mit ihren Gefühlen, Ängsten und Unsicherheiten. Kinder orientieren sich an Gleichaltrigen, beobachten deren Verhalten und erweitern so spielerisch ihre sozialen Kompetenzen.

Für die pädagogischen Fachkräfte bedeutet die Peer-Group-Eingewöhnung eine besondere Form der Zusammenarbeit. Nicht eine einzelne Person trägt die Verantwortung, sondern das Team begleitet gemeinsam die Gruppe der neuen Kinder. Das erfordert gute Absprachen, feinfühlige Beobachtung und einen offenen Austausch. Es stärkt aber auch die Teamarbeit und ermöglicht eine gleichmäßigere Verteilung der Aufgaben. Fachkräfte lernen alle Kinder gut kennen und können flexibel auf deren Bedürfnisse eingehen – unabhängig von starren Zuständigkeiten.

Auch für Eltern bietet das Modell Vorteile. Sie erleben eine transparente, strukturierte Eingewöhnung und gewinnen Vertrauen – nicht nur in eine Person, sondern in das gesamte Team. Zu wissen, dass das eigene Kind mehrere vertraute Bezugspersonen hat, kann die Abschiede erleichtern. Ein weiterer großer Vorteil der Peer-Group-Eingewöhnung ist der Austausch der Eltern untereinander. Wenn mehrere Kinder gemeinsam eingewöhnt werden, erleben Eltern oft ähnliche Herausforderungen und Gefühle. Dieses gemeinsame Erlebnis schafft eine wertvolle Verbindung und bietet Raum für gegenseitige Unterstützung, Verständnis und Tipps. Der Austausch stärkt das Vertrauen und nimmt Ängste, denn Eltern merken: Wir sind nicht allein mit unseren Fragen und Sorgen.

Die Peer-Group-Eingewöhnung ist ein Beispiel dafür, wie sich pädagogische Konzepte weiterentwickeln. In einer Welt, in der sich Familienformen, Arbeitszeiten und Lebensmodelle stetig verändern, braucht auch die frühkindliche Bildung neue Wege. Das Modell steht für Offenheit, Entwicklung und den Mut, Neues auszuprobieren. Es geht mit der Zeit, ohne das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: die Beziehung zwischen Kind und Fachkraft, zwischen Elternhaus und Einrichtung. Denn jedes Kind hat das Recht auf einen guten Start – getragen von Vertrauen, begleitet von Menschen, die ressourcenorientiert das Kind auf seinem Lebensweg begleiten, und eingebettet in eine Gemeinschaft, in der es wachsen und sein darf.

 

Text und Bild: Franziska Jacobi (Stellv. Einrichtungsleitung, Ev. Kinderkrippe Cappeler Str.)

 

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