1 Sexualpädagogisches Konzept EVANGELISCHES FAMILIENZENTRUM HANSENHAUS
2 Vorwort des Trägers Einer unserer wichtigsten Aufgaben in der Kindertagesbetreuung ist es, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kinder sich gut entwickeln und gesund aufwachsen können. Dazu gehört auch die Entwicklung einer gesunden Sexualität. Basis unserer pädagogischen Arbeit ist der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan. Folgende Ziele werden in diesem benannt: „Kinder sollen einen unbefangenen Umgang mit dem eigenen Körper erwerben und eine Geschlechtsidentität entwickeln, mit der sie sich wohlfühlen.“ Ebenso gilt es, „…ein Grundwissen über Sexualität zu erwerben und ein Bewusstsein für eine persönliche Intimsphäre zu entwickeln.“ Hierfür benötigen Kinder Erwachsene, die sie verstehen, unterstützen und anerkennen. Erwachsene, die eine eindeutige Sprache verwenden, nicht tabuisieren und klar und offen sind. Dann können sich die Kinder mit ihren Wahrnehmungen, Wünschen und in ihrem Ausprobieren verstanden und geborgen fühlen. Eine gute Sexualpädagogik beugt Übergriffen vor und ist somit aktiver Kinderschutz und die beste Prävention. Ich freue mich, dass das Team des Evangelischen Familienzentrum Hansenhaus sich auf diesen Weg begeben hat und nun die sexualpädagogische Konzeption vorliegt. Sie bietet den Fachkräften Orientierung und Handlungssicherheit und ist ein wichtiger Teil der Qualitätsentwicklung und -sicherung der Kita. Die Erstellung eines sexualpädagogischen Konzeptes für unsere Kindertageseinrichtungen ist verpflichtender Bestandteil des gesetzlich vorgeschriebenen Gewaltschutzkonzeptes. Ich danke dem Team des Evangelischen Familienzentrums Hansenhaus für sein Engagement und die Umsetzung im Alltag. Ihre Birte Schlesselmann Beauftragte für die Kindertagesstätten des Gesamtverbandes der Ev. Kirchengemeinden in Marburg
3 Einleitung Sexualpädagogik in der Kita ist ein sensibles Thema. Ob ich als Person unbeschwert und locker an dieses Thema herangehen kann oder eher ängstlich und besorgt, hängt von vielen Faktoren ab: unter anderem von den eigenen biografischen Erfahrungen, den kulturellen und religiösen Werten, dem vorhandenen Fachwissen sowie dem Vertrauen in die Fachkräfte der Einrichtung. Bei der sexuellen Entwicklung von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren geht es vor allen Dingen darum, dass Kinder ihren eigenen Körper mit allen Sinnen entdecken und erkunden sowie eine eigene Geschlechtsidentität entwickeln. Es ist unsere Aufgabe, die Kinder in dieser Entwicklung achtsam, sensibel und altersentsprechend zu begleiten und ihnen ein gesundes und positives Verhältnis zu ihrem Körper zu ermöglichen. Hierzu geben wir den Kindern Freiräume bei gleichzeitiger Achtung von Grenzen und Einhaltung von Regeln. Es ist unser Anliegen, dass diese Konzeption dazu beiträgt, dass auch für die Erziehungsberechtigten mehr Sicherheit und Klarheit zu diesem Thema entsteht. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Kinder zu schützen und sie dazu zu befähigen, sich selbst schützen zu können. Gemeinsam mit Pro Familia Marburg haben wir uns im Team intensiv mit unserer eigenen Haltung zur Sexualpädagogik beschäftigt und uns über Inhalte und Ziele verständigt. Im Ergebnis ist die vorliegende Konzeption entstanden. Sie ist Bestandteil unserer Gesamtkonzeption und als solche maßgebend für unsere Arbeit.
4 Unterscheidung von kindlicher und erwachsener Sexualität Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis und durchzieht das ganze Leben. Allerdings äußert sich Sexualität je nach Alter, Reife und Entwicklungsphase in sehr unterschiedlichen Formen. Kindliche Sexualität unterscheidet sich daher wesentlich von der Sexualität unter Erwachsenen. Erwachsene Sexualität Die Sexualität von Erwachsenen ist bewusst, oft zielgerichtet, meistens beziehungsorientiert und mit sexuellen Fantasien verknüpft. Sie ist eher auf körperliche Vereinigung, genitale Sexualität und Befriedigung ausgerichtet. Die Sexualität Erwachsener orientiert sich an gesellschaftlichen Normen und moralischen Regeln. Sie ist oft schambesetzt, leistungsorientiert und tabuisiert. Kindliche Sexualität Die sexuelle Entwicklung von Kindern ist bestimmt durch den Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Zuwendung. Kindliche Sexualität ist eine sinnliche und ganzheitliche Erfahrung. Der Umgang des Kindes mit seinem Körper und seinen Bedürfnissen ist spielerisch, unbefangen, voller Neugier und entwickelt sich oft spontan aus der Situation heraus. Körpererkundungen werden von Kindern nicht bewusst als Sexualität wahrgenommen und erst im Laufe der Kindheit werden gesellschaftliche Normen und Schamgrenzen verinnerlicht. Kurzer Überblick über die kindliche Sexualentwicklung in den ersten sechs Lebensjahren Wenn ein kleiner Mensch geboren wird, ist er mit allen Sinnen ausgestattet, um die Welt zu entdecken. Er kann hören, sehen, fühlen, schmecken und riechen. In den ersten Monaten erkundet das Kleinkind fast seine gesamte Umwelt mit dem Mund (orale Phase). Insbesondere das Saugen und Nuckeln an der Brust und später auch an den eigenen Fingern oder an Gegenständen bereitet sinnlichen Genuss, beruhigt und entspannt. Kinder genießen zusehends ihre Nacktheit und uneingeschränkte Bewegungsfreiheit – etwa beim Baden oder während des Wickelns - und beginnen, sich mit den Händen zu erkunden. Besonders wichtig ist der Körperkontakt (Streicheln, Schmusen, im Arm gehalten werden…) mit den Bezugspersonen. Er ist die Grundlage für eine gesunde seelische Entwicklung, stärkt das Urvertrauen und gibt den Kindern das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Im 2. und 3. Lebensjahr erleben Kinder zuerst bei der Ausscheidung, später auch beim Zurückhalten ihrer Ausscheidungen, Lustgefühle in einer neuen Körperregion (anale Phase). Sie erkunden ihre Genitalien und zeigen diese unter Umständen auch gerne anderen Kindern und Erwachsenen. Sie entdecken auch die damit verbundenen Lustgefühle. Kinder in diesem Alter beginnen, sich mit anderen Kindern zu vergleichen und entwickeln eine eigene (Geschlechts)Identität.
5 Auch geschlechtsspezifische Verhaltensweisen gewinnen an größerer Bedeutung. Die Kinder stellen Fragen zu Geschlechtsunterschieden und lernen Begriffe für die Geschlechtsorgane. Ab dem 4. bis zum 6. Lebensjahr testen sich die Kinder zusehends in ihren Rollen. Sie spielen z.B. Familie, verkleiden sich und schlüpfen dabei auch gerne einmal in die Rolle eines anderen Geschlechts. Wenn sie jemanden gernhaben, sprechen sie nicht selten davon, dass sie diese Person einmal heiraten möchten. Häufig sind innige Freundschaften bis hin zum kindlichen „Verliebtsein“ mit Kindern jeden Geschlechts. Die Kinder genießen die körperliche Nähe, geben sich Küsschen oder halten Händchen. Viele Kinder erforschen spielerisch ihren eigenen Körper und sind interessiert daran zu erfahren, ob andere Kinder genauso aussehen wie sie selbst. Sie stellen auch zusehends Fragen, z.B. zu Themen der Fortpflanzung („Wie kommt das Baby in den Bauch?“) und erhalten hierzu kindgerechte Informationen. Manche Kinder in diesem Alter verschaffen sich auch Lust und Entspannung über das Stimulieren ihrer Genitalien. Sexualpädagogik in unserer Kindertageseinrichtung Ziele Wir begleiten die Kinder auf ihrem Weg zur sexuellen Selbstbestimmung und zum verantwortlichen Umgang mit sich selbst und anderen. Das heißt, dass wir • die körperliche Wahrnehmungsfähigkeit unter Einbeziehung aller Sinne und die Entwicklung eines positiven Körpergefühls fördern. • die Kinder darin unterstützen, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken sowie angenehme von unangenehmen Gefühlen zu unterscheiden. • Kinder ermuntern, ihren eigenen Wahrnehmungen zu trauen, sie für ihre eigenen Grenzen sensibilisieren und das Nein zu ungewollten Körperkontakten unterstützen („Mein Körper gehört mir“). • Kindern ihre eigene Körperlichkeit und Intimität zugestehen, ihre Intimsphäre achten und ihnen einen respektvollen Umgang mit dem Körper anderer aufzeigen. • Kindern ein sicheres und geschütztes Umfeld geben, um ihren Spiel- und Erforschungsimpulsen folgen zu können. • Kinder befähigen, sprachfähiger zu werden. • auf ihre Fragen z.B. über Geschlechterunterschiede, geschlechtliche Körperfunktionen, über Zeugung, Schwangerschaft und Geburt kindgerecht und altersentsprechend antworten.
6 Sprache und Aufklärung • Wir schaffen eine vertrauensvolle Atmosphäre, um es den Kindern zu erleichtern, sich mit ihren Fragen, Sorgen oder Ängsten an uns zu wenden. • Als pädagogische Fachkräfte sind wir Sprachvorbilder für die Kinder. Wir benutzen eine klare, wertschätzende und vorurteilsbewusste Sprache. Bei aufkommenden körperbezogenen Themen sprechen wir offen und kindgerecht über Sexualität. So erfahren die Kinder, dass es erlaubt und normal ist, darüber zu reden und sie sich mit ihren Gedanken und Fragen an uns wenden können. • Kinder erhalten eine Sprache für ihren Körper, seine Funktionen und Bedürfnisse. Alle Körperteile werden von uns benannt, auch die Geschlechtsorgane. Wir haben uns in unserer Einrichtung für die Nutzung folgender offizieller Begriffe entschieden: Vagina, Vulva, Vulvalippen, Klitoris, Brust, Brustwarzen, Penis, Vorhaut, Eichel, Hoden, Po, After. Es ist wichtig, dass die Kinder allgemeingültige Begriffe kennen, damit sie sich für jeden verständlich ausdrücken können und in der Lage sind, deutlich zu sagen, an welchen Körperstellen sie berührt werden möchten oder nicht. • Alternative Begriffe der Kinder werden geduldet, sofern sie frei von Diskriminierung sind. Allerdings verwenden und fördern wir diese nicht. • Finden sprachliche Grenzverletzungen wie zum Beispiel Diskriminierungen oder Beleidigungen unter Kindern statt, greifen wir ein. Es ist unser Anliegen, dass die Kinder verstehen, dass sie mit ihren Worten die Gefühle eines anderen Kindes verletzen können. • Wir gehen auf die Fragen der Kinder ein und beantworten sie wahrheitsgemäß, altersentsprechend und kindgerecht. • Wir sensibilisieren Kinder in allen alltäglichen Situationen dafür, dass sie ihre Grenzen wahrnehmen, erkennen und benennen können. Wir unterstützen sie dabei, „Nein“ oder „Stopp“ zu sagen, wenn sie etwas nicht möchten und es zu respektieren, wenn sie von einem anderen Kind eine Grenze gesetzt bekommen. Sie sind es, die über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen. Diese Erfahrung trägt wesentlich dazu bei, dass Kinder lernen sich selbst zu schützen. • Wir stellen den Kindern ausgewählte Medien und Spielmaterialien zur Verfügung, die u.a. Themen wie Körper, Ich, Baby, Familienmodelle, Gefühle, Freundschaft und Liebe beinhalten. Wir achten darauf, dass die Texte und Bücher altersgerecht und möglichst diskriminierungsfrei sind. Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle Geschlechtsbewusste Erziehung bietet jedem Kind die gleichen Chancen, seine Geschlechtsidentität zu entwickeln, ohne durch stereotype Sichtweisen und geschlechtsspezifische Zuschreibungen in Erfahrungs- und Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt zu werden.
7 Zu einer geschlechtsbewussten Erziehung gehört, dass • Kinder nicht aufgrund ihres Geschlechts beurteilt oder in ihren Erfahrungsmöglichkeiten eingeschränkt werden. • wir im Alltag gemeinsam mit den Kindern unsere geschlechtsstereotypen Erwartungen kritisch hinterfragen, darüber diskutieren und die Vielfalt erkennen. • Kinder erkennen, dass eigene Interessen und Vorlieben nicht davon abhängen, welchen Geschlechts sie sich zugehörig fühlen. • Kinder erfahren, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. • wir darauf achten, dass über unsere Sprache und die Sprache der Kinder keine geschlechtsspezifischen Vorurteile weitergegeben werden. • alle Kinder frei wählen können, womit sie spielen, in welche Rolle sie schlüpfen oder wie sie sich kleiden. • wir Bilderbücher bereithalten, in denen es auch geschlechtsuntypische Vorbilder gibt und sich die Vielfalt von Familien- und Beziehungsmodellen abbildet. • die Kinder unterschiedliche Familien- und Beziehungsmodelle kennenlernen und sie die Vielfalt respektieren und schätzen lernen. Wickeln/Toilettengang • Jeder Mensch hat das Recht auf (s)eine Intimsphäre. • Der Toiletten- und Wickelbereich ist ein besonders intimer Raum für Kinder. Wir achten darauf, dass die Intimsphäre und das persönliche Schamgefühl der Kinder respektiert werden und sind uns unserer hohen Verantwortung für die Körperlichkeit der Kinder bewusst. • In der Regel gehen die Kinder selbstständig auf die Toilette – es sei denn, das Kind wünscht eine Begleitung. Dies kann manchmal auch ein anderes Kind sein. Vorher sagen die Kinder in der Gruppe Bescheid und äußern, ob sie Hilfe brauchen oder werden von den Fachkräften gefragt, ob sie Unterstützung benötigen. • Die Toilettentür kann von den Kindern eigenständig verriegelt werden. • Die Kinder dürfen – je nach Verfügbarkeit der anwesenden Fachkräfte - selbst entscheiden, von wem sie gewickelt werden oder auf die Toilette begleitet werden möchten. • Die Fachkräfte begleiten die Wickelsituation sprachlich (Marte Meo). Auch wenn die Kinder noch nicht alle Worte verstehen, gibt die sprachliche Begleitung dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Mit der Zeit verknüpfen die Kinder die Worte mit den Handlungen und können so die Wickelsituation aktiv mitgestalten (z.B. den Po heben, wenn die Windel unter den Po geschoben wird). • Neue MitarbeiterInnen erhalten eine ausführliche Einführung in die beziehungsvolle Pflege. Erst dann, wenn ein Kind Vertrauen zu ihnen aufgebaut hat und damit einverstanden ist, wickeln sie das Kind. • Bei personellen Engpässen, in denen keine Wunschfachkraft vorhanden ist, entscheidet die Fachkraft zum Wohle des Kindes, ob das Kind aus pflegerischen Gründen gewickelt werden muss oder noch auf die Bezugspersonen gewartet werden kann. Diese Situation wird mit dem Kind und den Bezugspersonen besprochen.
8 • Wir unterstützen, begleiten und ermutigen die Kinder in ihrer individuellen Sauberkeitsentwicklung. Letztendlich bestimmt das Kind selbst, wann es von der Windel zur Toilettennutzung wechselt. Wir üben in dieser Hinsicht keinen Druck oder Zwang aus. Hierüber stehen wir in einem engen Austausch mit den Eltern. • Eltern und Abholberechtigte bitten wir, die Intimsphäre der Kinder zu respektieren und die Bäder in einer Wickel- oder Badesituation nicht zu betreten. Wasserspiele/Baden • Wasserspiele finden ab und zu im Sommer auf dem Außengelände statt. Da es sich bei dem Außengelände um einen öffentlich einsehbaren Raum handelt, tragen die Kinder Unterhosen oder Badekleidung, die zu diesem Zweck von zu Hause mitgebracht wird. • Wasser- oder Sensorik- Spiele finden in unserer Krippe mit Windel oder Unterhose statt. • In der Krippe werden Kinder bei Bedarf und unter Achtung der Intimsphäre im Bad gebadet, in der Kita geduscht. Selbststimulation • Manche Kinder entdecken im Laufe ihrer Entwicklung, dass das Stimulieren bestimmter Körperzonen ihnen Lust und Entspannung verschafft. Dies ist Bestandteil einer gesunden kindlichen Entwicklung. • Wenn sich Kinder im Kita-Alltag selbst stimulieren, lassen wir dies daher zu, solange sich nicht andere Kinder dadurch belästigt oder gestört fühlen oder das Kind selbst kein Gespür für seine eigene Intimsphäre hat. • Ist letzteres der Fall, besprechen wir mit dem Kind die Situation. Häufig wird dem Kind dann sehr schnell bewusst, dass öffentliche oder halb-öffentliche Räume wie Flure oder Gruppenräume für die Selbststimulation nicht oder weniger angemessen sind als eher unbeobachtete Räume – auch zu seinem eigenen Schutz. • Die Kinder lernen so, dass Selbststimulation etwas Normales und Erlaubtes ist und gleichzeitig das Schamgefühl anderer Menschen verletzen kann. • Die Kinder, die sich durch ein sich selbst stimulierendes Kind gestört oder unwohl fühlen, erfahren, dass ihre Intimsphäre geachtet und respektiert wird. • Ungewöhnlich häufige, demonstrative oder zwanghafte Selbststimulation kann dagegen auch ein Hinweis auf ein tieferliegendes Problem des Kindes sein. Hierüber gehen wir mit den Eltern in einen Austausch. Körpererkundungsspiele • Körpererkundungsspiele sind Teil der kindlichen Sexualentwicklung. Sie machen jedoch nur einen kleinen Teil der gesamten Sexualentwicklung von Kindern aus. Manche Kinder sind in der Kita nie, manche nur sehr kurz, manche eine Zeit lang intensiv in Körpererkundungsspiele involviert – je nach Bedürfnis des einzelnen Kindes.
9 • Körpererkundungsspiele tragen dazu bei, dass Kinder in einem geschützten Raum spielerisch ihren Körper kennen lernen und sich mit anderen Kindern vergleichen können. • Gleichzeitig fördern Körpererkundungsspiele die Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität: Die Kinder benennen ihre persönlichen Grenzen und lernen, diese einzufordern. Sie lernen die Grenzen der anderen zu achten und zu respektieren. • Körpererkundungsspiele finden in geschützten (Neben-) Räumen statt, in denen die Intimsphäre der Kinder gewahrt bleibt. • Häufig finden Körpererkundungsspiele auch als so genannte „Doktorspiele“ statt. Die Kinder kennen Arztbesuche aus ihrem familiären Umfeld oder aus eigener Erfahrung und spielen diese im Rollenspiel nach. • Körpererkundungsspiele werden sehr unterschiedlich gespielt: Manchmal behalten die Kinder dabei ihre Kleidung ganz oder teilweise an, manchmal ziehen sie sich auch komplett aus. • Wir stehen Körpererkundungsspielen offen gegenüber, weil Verbote dazu führen, dass Kinder ihre Bedürfnisse sonst heimlich und in weniger geschützten Räumen ausleben. Körpererkundungsspiele werden dann zu einem „Geheimnis“ über das nicht gesprochen werden darf. So werden unter Umständen auch Grenzverletzungen gar nicht bemerkt und können nicht bearbeitet werden. Verbote können auch dazu führen, dass Kinder das Gefühl bekommen: Mit mir und meinem Körper stimmt etwas nicht. Sie stehen insofern der Entwicklung eines positiven und unbefangenem Körpergefühls entgegen. • Wir machen immer wieder die Erfahrung: Wenn Kinder ihrem Bedürfnis, ihre Körper zu entdecken grenzwahrend nachkommen dürfen, verlieren sie schnell wieder das Interesse an Körpererkundungsspielen. Die kindliche Neugier ist gestillt. Regeln für Körpererkundungsspiele Um Grenzen bei Körpererkundungsspielen zu wahren, gelten in unserer Kindertageseinrichtung die folgenden Regeln: • Jedes Kind entscheidet selbst, ob und wie lange es bei Körpererkundungsspielen mitspielen möchte. • Körpererkundungsspiele sind gleichberechtigt und gegenseitig. Kein Kind darf ein anderes Kind zwingen mitzuspielen. • Die Fachkräfte achten darauf, dass es kein Machtgefälle zwischen den beteiligten Kindern gibt und die Kinder in Bezug auf ihr Alter und ihren Entwicklungsstand zusammenpassen. • Kein Kind darf etwas tun, was einem anderen Kind unangenehm ist oder weh tut. • Wenn ein Kind „Stopp“ oder „Nein“ sagt, müssen die anderen das respektieren. • In Körperöffnungen (Po, Vagina, Penis, Mund, Ohren, Nase) darf nichts hineingesteckt werden. • Bescheid sagen, wenn ein Kind sich nicht an die Regeln hält: Hilfe holen ist kein Petzen! • Erwachsene sind an Körpererkundungsspielen niemals beteiligt. • Wenn Fachkräfte aufgrund von personellen Engpässen keine ausreichende Übersicht über bestehende Rückzugsbereiche haben, werden diese geschlossen.
10 Umgang mit grenzverletzendem Verhalten unter Kindern Grenzverletzendes Verhalten liegt immer dann vor, wenn ein Kind etwas tut, was ein anderes Kind nicht möchte. Das kann z.B. eine Umarmung sein, mit der ein Kind dem anderen Kind seine Zuneigung zeigen möchte – die aber dem anderen Kind unangenehm ist. Gelegentlich drücken Kinder ihre Enttäuschung, Sprachlosigkeit oder Wut dadurch aus, dass sie andere Kinder hauen, etwas nach ihnen werfen oder ihnen etwas wegnehmen. Auch mit Worten verletzen Kinder sich gegenseitig. Manchmal halten sich Kinder auch im Rahmen von Körpererkundungsspielen nicht an die Regeln und es kommt zu Grenzverletzungen. In all diesen – und ähnlichen - Fällen greifen die Fachkräfte sofort ein: • Die grenzüberschreitende Handlung wird sofort beendet und klar benannt. • Die involvierten Kinder werden sachlich befragt (Je nach Situation auch im Einzelgespräch). • Alle beteiligten Kinder erhalten Mitgefühl, Trost und Unterstützung. • Mit dem Kind, das eine Grenzverletzung erfahren hat, wird besprochen, dass es nicht in Ordnung ist, was das andere Kind getan hat und dass es sich dieses Verhalten nicht gefallen lassen muss. Es wird besprochen, wie es sich in den entsprechenden Situationen wehren oder Hilfe holen kann. Es wird darin bestärkt, „Nein“ zu sagen. • Auch das Kind, dass die Grenze überschritten hat, braucht Unterstützung und Hilfe. Oft sind die Kinder sich nicht darüber bewusst, dass sie ein anderes Kind mit ihrer Handlung verletzt oder ihm weh getan haben. Dies wird im Gespräch miteinander geklärt. Sich „nur“ zu entschuldigen, reicht nicht aus. Mit diesem Kind wird besprochen, wie es seine Gefühle auf eine Weise ausdrücken kann, die andere Kinder nicht verletzt und es werden Konsequenzen für die Grenzüberschreitung besprochen. • Wenn Grenzüberschreitungen in der Gruppe Thema sind, werden Regeln und Verhaltensweisen für einen wertschätzenden Umgang untereinander mit allen Kindern der Gruppe besprochen – ohne dabei die in die Grenzverletzung involvierten Kinder bloßzustellen. • Über grenzüberschreitende Handlungen werden die Eltern aller beteiligten Kinder zeitnah von uns informiert. Oft sind Eltern verunsichert, wie oder ob sie zu Hause mit ihren Kindern darüber sprechen sollen. Hierzu erhalten sie von uns Beratung und Unterstützung. Grenzverletzendes Verhalten zwischen Kindern und Fachkräften Auch Fachkräfte erleben grenzverletzendes Verhalten durch Kinder. So kommt es z.B. vor, dass Kinder Fachkräfte hauen, ihnen einfach ein Küsschen geben, sie mit Worten beleidigen oder sie an Stellen berühren (z.B. am Po oder an der Brust), die den Fachkräften unangenehm sind. Hier ist es wichtig, dass auch die Fachkräfte sich klar positionieren und ihr „Nein“ von den Kindern gehört, respektiert und verstanden wird. Sie sind damit zugleich ein Vorbild für die Kinder.
11 Umgekehrt achten und respektieren die Fachkräfte die (körperlichen) Grenzen der Kinder. Dazu gehört z.B. auch, dass Fachkräfte Kinder nicht ungefragt auf den Schoß oder in den Arm nehmen. Wenn ein Kind weint oder traurig ist, bieten sie dem Kind lediglich ihren Schoß oder ihre Umarmung an. Das Kind kann dann entscheiden, ob es dieses Angebot jetzt oder später oder gar nicht wahrnehmen möchte. Nicht jedes Kind wünscht sich bei Traurigkeit die körperliche Nähe durch Bezugspersonen. Insofern sollten auch Eltern in der Übergabesituation am Morgen ihre Kinder nicht ungefragt auf den Schoß einer Fachkraft setzen. Bei der Einstellung unterschreibt jede Mitarbeiterin/ jeder Mitarbeiter einen „Verhaltenskodex“, in dem auch die Nähe und die Distanz zwischen Kindern und Fachkräften klar geregelt ist. Sexuell auffälliges Verhalten und sexuelle Übergriffe unter Kindern Sexuelle Übergriffe oder sexuell auffälliges Verhalten unter Kindern erleben wir in der Kita selten. Sie gehen über die oben genannten Grenzverletzungen hinaus. Sexuelle Übergriffe sind sexuelle Handlungen, die wiederholt, massiv und/oder gezielt die persönlichen Grenzen anderer verletzen. Anzeichen für sexuell auffälliges oder übergriffiges Verhalten • Kinder, die über einen längeren Zeitraum an Körpererkundungsspielen im Vergleich zu anderen Spielen oder Aktivitäten ein übermäßig starkes Interesse zeigen. • Kinder, die eine stark sexualisierte Sprache verwenden und andere Kinder oder Erwachsene mit sexistischen Schimpfwörtern demütigen oder beleidigen. • Körpererkundungsspiele, bei denen ein Kind sich selbst oder andere absichtlich verletzt. • Kinder, die andere Kinder drängen oder überreden, ihr Genital oder das der anderen Kinder zu berühren oder erwachsene Formen der Sexualität ausüben. • Körpererkundungsspiele, bei denen Drohungen oder Schweigegebote eine Rolle spielen • Übermäßige, zwanghafte und insbesondere demonstrative und provokative Selbststimulation eines Kindes Bei sexuell auffälligem oder übergriffigem Verhalten ist der Ablauf in Bezug auf die Gespräche mit den Kindern und den Eltern ähnlich wie bei grenzverletzendem Verhalten. Häufig nehmen Eltern zu Hause dieselben Verhaltensweisen ihres Kindes wahr und wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sexuell auffälliges Verhalten von Kindern kann auch ein Anzeichen für tieferliegende Probleme sein, die durch Fachleute außerhalb der Einrichtung begleitet werden müssen. Daher raten wir den Eltern, in diesen Fällen eine Beratungsstelle aufzusuchen (Erziehungsberatung, Pro Familia, Wildwasser), um professionelle Hilfe für sich und ihr Kind zu erhalten. Auch wir beraten uns mit den entsprechenden Fachleuten.
12 Kindertageseinrichtungen haben einen Kinderschutzauftrag nach § 8a SGB VIII. Für sexuell übergriffiges Verhalten unter Kindern und für den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung von Kindern durch Erwachsene (Eltern, Fachkräfte und andere Bezugspersonen) gibt es ein Schutzkonzept mit klar definierten Handlungsschritten. Zu diesen werden alle MitarbeiterInnen jährlich geschult. Bei Anzeichen von Kindeswohlgefährdung (Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch usw.) findet zur Einschätzung der Gefährdungssituation und des daraus erfolgenden Schutzplanes eine Beratung mit einer „Insoweit erfahrenen Fachkraft (IseF)“ statt. Die IseF ist im Umgang mit Kindeswohlgefährdung geschult und in der Regel MitarbeiterIn einer Beratungsstelle oder einer Kinderschutzorganisation. Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten Es ist uns bewusst, dass jeder Mensch aufgrund der eigenen Biografie eine unterschiedliche Haltung zu Fragen der Sexualpädagogik entwickelt hat. Dabei können unterschiedliche Werte, Erziehungsstile und Sichtweisen aufeinandertreffen. Damit gehen wir respektvoll um. Wir nehmen die Sorgen und Ängste der Eltern ernst. Gleichzeitig möchten wir Klarheit und Sicherheit im Umgang mit kindlicher Sexualität vermitteln, Fachwissen weitergeben und für das Thema sensibilisieren. Unser gemeinsames Ziel ist es, zum Wohl der Kinder zu handeln, sie zu stärken und zu schützen. In den jährlichen Entwicklungsgesprächen gibt es Raum für einen sachlichen Austausch zu sexualpädagogischen Themen. Darüber hinaus informieren wir die Eltern zeitnah, wenn ein Kind ein Verhalten zeigt, das nicht mehr im Rahmen der kindlichen Sexualität liegt oder auffällig ist. Wir haben die Bitte, dass auch Eltern uns zeitnah informieren, wenn ein Kind zu Hause von einer Grenzverletzung oder einem Übergriff berichten sollte, der in unserer Einrichtung stattgefunden hat. Nur so können wir die Situation in der Kita aufgreifen und mit den Kindern bearbeiten. Eltern können sich mit ihren Fragen, Sorgen oder Anregungen direkt an uns und an den Elternbeirat wenden. Der Elternbeirat wird von uns über alle relevanten Vorkommnisse informiert. Die Eltern werden vor der Unterzeichnung des Betreuungsvertrages auf das pädagogische und sexualpädagogische Konzept des Evangelischen Familienzentrums Hansenhaus hingewiesen und erkennen es mit der Unterzeichnung des Betreuungsvertrages an.
13 Eine professionelle Haltung im Team entwickeln Selbstreflexion Wir sind uns bewusst, dass unsere persönlichen Erfahrungen mit Sexualität unser Verhalten gegenüber Kindern beeinflussen können. So fällt es zum Beispiel einer Fachkraft leichter als ihrer KollegIn, mit Kindern über sexualpädagogische Themen zu sprechen. Es ist uns wichtig, im Team offen und wertschätzend über diese Unterschiede zu kommunizieren und sie zu respektieren. So können Aufgaben entsprechend den eigenen Fähigkeiten im Team aufgeteilt und gleichzeitig eigene Entwicklungsbedarfe erkannt werden. Selbstreflexion ist für uns eine wesentliche Grundlage, um zu einer gemeinsamen professionellen Haltung zu gelangen. Fallbesprechungen Fallbesprechungen, kollegialer Austausch und Beratung in Teamsitzungen tragen dazu bei, dass wir unsere Haltung anhand von konkreten Situationen immer wieder neu reflektieren, vergegenwärtigen und ggf. bearbeiten. Bei Bedarf kann nach Absprache mit der Kita-Leitung und dem Träger Supervision und Coaching in Anspruch genommen werden. Fortbildungen In Fortbildungen zur Sexualpädagogik und zum Kinderschutz erweitern wir unser Fachwissen und unsere Handlungskompetenzen in diesem Entwicklungsbereich. Schulungen und Unterweisungen Einmal jährlich finden Schulungen/ Unterweisungen in folgenden Bereichen statt: • Gewaltschutzkonzept • Kinderschutz • Datenschutz • Aufsichtspflicht
14 Literaturhinweise Dieses Konzept entstand unter Rückgriff auf folgende Quellen: • Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen: https://bep.hessen.de • Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder/ Diakonie Hessen: Die Kita als sicherer Ort. Arbeitshilfe zum Kinderschutz. Erweiterte Auflage 2019. • Der Paritätische Hessen (2017): „Muss man sich küssen, wenn man verliebt ist?“ Fünf Schritte zum sexualpädagogischen Konzept für Kindertageseinrichtungen • Arbeitsvorlagen und Power Point von Pro Familia: http://www.profamilia.de/marburg • Maywald, Jörg (2018): Sexualpädagogik in der Kita. Herder. • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Vom 1.Lebensjahr bis zur Einschulung liebevoll begleiten…Körperwahrnehmung und körperliche Neugier kleiner Kinder. Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Entwicklung vom 1. Bis zum 6. Lebensjahr Impressum Gemeinsam erarbeitet vom pädagogischen Team des Familienzentrum Hansenhaus. Verantwortlich: Anja Diekmann (Leitung) und Jennifer Engelbach (Stellv. Leitung) Evangelisches Familienzentrum Hansenhaus Gerhart-Hauptmann-Straße 2, 35039 Marburg Telefon: 06421 9830040 E-Mail: familienzentrum.hansenhaus@ekkw.de Stand: 05.2025
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